Das Fußballstadion als Raum von politischen Konflikten zu bezeichnen, wirkt wahrscheinlich auf den ersten Blick ein wenig unverständlich. Gerade, wenn man den Sport in den Medien verfolgt, zeigt sich zumeist ein Hochglanzprodukt. Der Fußball wird immer professioneller und immer stärker kapitalisiert, so dass Fans zumeist zu einer Randerscheinung werden. Medial treten die Fans nur in Erscheinung, wenn es zu gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen verschieden Lagern kommt, Sachschäden wie beispielsweise an Zügen entstehen oder Pyrotechnik im Stadion gezündet wird. Doch zeigt diese, vorwiegend nur sehr oberflächliche Berichterstattung die Intentionen hinter den Konflikten zumeist nicht auf. Die Vermutung liegt nahe, dass Konflikte zwischen Gruppierungen verschiedener Vereine, aber auch intern im Vereinsumfeld politisch bedingt oder zumindest dadurch katalysiert sein können, gerade wenn man von der Annahme ausgeht, dass Fußballfans ein Spiegel der Gesellschaft darstellen. Im folgenden Beitrag möchte ich die Frage klären, „In welcher Form das Weserstadion einen Raum rechts/links politischer Konflikte zwischen Fußballfans darstellt?“. Dabei wird zunächst der Raum des Stadions, seine Rolle definiert und die dort handelnden Akteure vorgestellt. Anschließend wird in einer Fallanalyse der Fanszene Bremens aufgezeigt, ob und wenn ja in welcher Form solche Konflikte stattgefunden haben.

Was sind eigentlich politische Räume?

Als erstes stellt sich die Frage, was ist eigentlich ein Raum. Hier gibt es ganz verschiedene Ansätze diesen zu definieren oder einzugrenzen. Eine Richtung, aus dem ich mich dem Stadion als Raum annähern möchte, ist die der Heterotopie nach Foucault. In seiner Ausarbeitung „Andere Räume“ stellt er sein Verständnis von Räumlichkeit dar. Er definiert diesen als Raum, der „in Verbindung und dennoch im Widerspruch zu allen anderen Orten“ (Foucault 1967: 320) auftritt. Somit gibt er diesen Heterotopien eine gewisse Sonderrolle als Raum, die ich auch dem Stadion zuschreiben würde, da das Stadion viel emotional aufgeladener ist, als die meisten `normalen` Räume in denen sich Menschen bewegen. Heterotopien werden bei Foucault durch sechs Grundsätze definiert, die im Folgenden kurz genannt und auf das Stadion als Raum angewandt werden. 

Der erste Grundsatz ist der, dass jede Kultur seine Heterotopie erzeugt, die aber wiederum nicht universell gilt (Foucault 1967: 321). Die Kultur, die das Stadion erzeugt, ist die Sportkultur. Hier kann unterschieden werden zwischen Stadien, die primär als Raum des Sportes dienen und denen, die eher als Ort der Unterhaltung der Massen (Gesellschaft) gesehen werden können, was sich in der verschiedenen Architektur des Raumes äußert( Schröer 2019: 228-229. Zweites ist für uns hier von Bedeutung. 

Der zweite Grundsatz ist die Veränderung der Heterotopie durch die Gesellschaft, die die Form und Nutzung des Raumes anpasst (Foucault 1967: 322). Dies lässt sich beim Fußballstadion als Raum in der zeitlichen Veränderung und Kommerzialisierung festmachen. Vom `Volkssport` Fußball zeigt sich eine immer stärkere Kommerzialisierung und steigender Eventcharakter.  Dies spiegelt sich in der Architektur des Stadions durch einen Zuwachs von Sitzplätzen und VIP-Tickets wieder, die zu einem Rückgang der Stehplatztribünen geführt haben (Schröer 2019: 229). 

Der dritte Punkt besagt, dass Heterotopien mehrere Räume vereinen können (Foucault 1967: 324). Durch verschiedene Raumnutzungsgedanken des Stadions zeigt sich auch eine Verbindung verschiedener Räume auf. So kann das Stadion als eine Verbindung des Raumes des Sport und des Raumes des Festes gesehen werden (Gumbrecht 1998: 218, Bausenwein 1995: 462). 

Im vierten Grundsatz setzt Foucault Heterotopien zumeist in Verbindung mit zeitlichen Brüchen, die nur funktionieren, wenn die Personen „einen absoluten  Bruch mit der traditionellen Zeit vollzogen haben“ (Foucault 1967:324). Dieser Bruch geschieht beim Stadion durch die starke Divergenz zum ‚Alltäglichen‘, das eine Art Paralleluniversum zum ‚normalen‘ Leben aufzeigt, in der auch gesellschaftliche Reglementierungen bis zu gewissen Punkten wegfallen und eine Form von Ungewissheit und Unplanbarkeit beinhaltet (Meyer 2006: 85). 

Der fünfte Punkt besagt, „Heterotopien setzen ein System der Öffnung und der Schließung voraus“ (Foucault 1967:325). Dies erfüllt das Stadion durch die reine Nutzung an Spieltagen, wo sich ein starker Kontrast zu der sonstigen Nichtnutzung darstellt. 

Im sechsten und letzten Punkt schreibt Foucault, dass Heterotopien eine Funktion einnehmen, die sich zwischen den Extremen der Illusion und des realen Raumes entfaltet (Foucault 1967: 326). 

„Entweder haben sie einen Illusionsraum zu schaffen, der den gesamten Realraum, alle Platzierungen, in die das menschliche Leben gesperrt ist, als noch illusorischer denunziert. […] Oder man schafft einen anderen Raum, einen anderen wirklichen Raum, der so vollkommen, so sorgfältig, so wohlgeordnet ist wie der unsrige ungeordnet, mißraten und wirr ist.“ (Foucault 1967: 326). Bei diesem Punkt ist es schwer, sich auf eines der genannten Extreme festzulegen, da das Stadion sowohl ein illusorischer Raum ist, der Freiheiten ermöglicht, als auch wiederum eine gewisse Ordnung hervorbringt, wie beispielsweise Spiellänge oder Sitzplätze, die diesem Ort auch eine gewisse Form von Ordnung geben. Es zeigt sich das das Stadion die meisten Definitionskriterien einer Heterotopie erfüllt. Auch wenn diese Definition auf den ersten Blick für die Analyse ein wenig überzogen scheint, stellt sie doch eine Sonderstellung des Stadions dar. Grade diese Sonderstellung kann zu Unterscheidungen zwischen `normalen` politischen Konflikten und politischen Konflikten zwischen Fußballfans führen und dient somit auch einer Abgrenzung. 

Ausgewählte Akteure im Stadion: 

Im Folgenden werden die für die Beantwortung der Frage wichtigen Akteure genannt und kurz dargestellt, wie diese im Fußball, aber auch im politischen Kontext agieren können. 

Fanszene: 

Die Fanszene muss in verschiedene Subszenen differenziert werden, da diese auch verschieden im Raum agieren. Für diese Differenzierung wird üblicherweise die von der Polizei bei Sportveranstaltungen genutzte Kategorisierung in A, B und C Fans genutzt. Dabei steht Kategorie A für friedliche Fans, Kategorie B für situativ gewaltbereite Fans, größtenteils Anhänger der Ultrakultur und Kategorie C für gewaltsuchende Fans, zumeist Hooligans (Claus 2017: 11-13).  Diese Gruppen haben auch verschiedene Handlungsressourcen. So ist Gruppe A, obwohl sie ein Großteil der Zuschauer/innen im Stadion bildet, in Zusammenhang mit der Forschungsfrage als nur sehr passiv anzusehen. Sie stehen zumeist nicht in der Fankurve und sehen die Leistung der Mannschaft als Kriterium für den Stadionbesuch. Da der Besuch von Spielen zumeist in unorganisierten Kleingruppen stattfindet, unterstelle ich dieser Gruppe kein aktives Handeln in politischen Konflikten. Aber trotzdem muss man berücksichtigen, dass durch die großen Massen eine Zustimmung oder Ablehnung bestimmter Handlungen geschehen kann (Heitmeyer/Peter 1988:32). 

Gruppe B, zu der vor allem die Ultragruppierungen der Vereine zählen, treten zumeist als Gruppe in den Stehplatzbereichen der Stadien auf. Sie sehen in sich das Monopol in der akustischen und visuellen Unterstützung des Vereins. Dementsprechend hat diese Gruppe auch Einflussmöglichkeiten. Durch Zaunfahnen, Fahnen o.ä. können Gruppennamen oder andere Botschaften gezeigt werden. Für bestimmte Anlässe werden Choreografien hergestellt, die sowohl Stadtbezug als auch politische Forderungen oder Standpunkte thematisieren. Temporäre Spruchbänder bieten die Möglichkeit, auf aktuelle Themen hinzuweisen. Außerdem werden durch Aufkleber und Graffiti in und um das Stadion Gebiete markiert und Positionen aufgezeigt. Der Vorsänger hat die Möglichkeit, über das Megaphon mit dem Stadion zu kommunizieren (Thalheim 2019: 52-53).  

Die Gruppe C, in die Hooligans kategorisiert werden, haben in den letzten Jahren an visueller Bedeutung im Stadion verloren, was primär auf das Erstarken der Ultrabewegung Ende der 1990er-Jahre zurückzuführen ist. Obgleich die Hooligans zumeist nicht versucht haben, sich an Sprechchören oder Gesängen zu beteiligen, sondern zumeist die körperliche Auseinandersetzung im und um das Stadion gesucht haben. (Winands 2015: 23/77). Dennoch treten die Gruppen noch im Stadionkontext auf und bilden teilweise das Gewaltmonopol in der Fankurve. Zu Teilen verlagert sich die Gewalt aufgrund des steigenden Fahndungsdrucks auch auf Drittorte, die nicht im Zusammenhang mit dem Stadion stehen, um sogenannte ‚Matches‘ auszuführen (Claus 2019). 

Fanprojekt 

Fanprojekte sind in den meisten Vereinen der oberen Ligen zu finden. Es findet hier eine Jugend- und Sozialarbeit mit Fußballfans statt. Diese legt den Fokus auf möglichst sport- und eventnahe Arbeitsweise, heißt, dass vor allem an Heim- sowie Auswärtsspieltagen eine Betreuung der Fans durch das Fanprojekt stattfindet. Des Weiteren wird ‚Streetwork‘ angeboten. Die Ziele dieser Arbeit sind hierbei beispielsweise eine Eindämmung von Gewalt durch Prävention, der Abbau extremistischer Orientierung und delinquentem Verhalten, aber auch Exkursionen und Workshops (NKSS 1992: 11-12). Dennoch gibt es von verschiedenen Seiten Anmerkung zu Problematiken der Fanarbeit und Kritik bezüglich des Konzeptes der Fanprojekte. So wäre es äußerst schwierig die Waage zwischen Akzeptanz und Abgrenzung zu halten um sowohl unterstützend zu wirken, aber auch beispielsweise diskriminierende Vorfälle adäquat reagieren zu können (Brunssen/ Claus 2015: 182).  Auch müsse die Arbeit über den Raum des Stadions in die Wohnbezirke ausgeweitet  werden, da sich das Fan dasein immer weiter vom eigentlich Ort dem Stadion entfernt (Pilz 2010: 85). 

Verein:

Der Verein hat die Möglichkeit, Stadionverbote gegen Personen auszusprechen. Diese sind für Kapitaldelikte wie rechtsextremistische Äußerungen, aber auch für kleinere Delikte, wie dem Anbringen von Aufklebern im Stadion möglich (Winkelmann 2006: 20). Eine weitere Möglichkeit des Vereins, Fehlverhalten ganzer Gruppen zu sanktionieren, ist die Erteilung eines Erscheinungs- und Auftrittsverbots. Dieses verbietet der Gruppe offen als Gruppe aufzutreten. Jegliches Material mit Gruppensymboliken o.ä. ist verboten (Höhn 2013). Kritik an den Verboten gibts es, da die Personen nicht gehindert werden, das Stadion zu betreten und folglich nur die visuelle Präsenz der Gruppen, aber nicht ihre Handlungsmöglichkeiten restriktiert werden.

Polizei

Die Aufgabenteilung zwischen den Sicherheitsorganen bei Fußballspielen erfolgt am Stadion. Die Polizei greift nur in seltenen Fällen im Stadion ein, wo die Ordner das Hausrecht des Vereins durchsetzen. Die Polizei beschränkt ihre Tätigkeit auf den Raum außerhalb des Stadions wie An- und Abreise der Fans. 

Es gibt es an jedem Stadion szenenkundige Beamte. Diese haben die Aufgabe, sowohl bei Heim-, als auch bei Auswärtsspielen in Kontakt zur Fanszene zu treten und als Vermittler zu agieren. Auch können so Informationen über interne Strukturen und Konflikte gesammelt oder Straftaten aufgeklärt werden (Stümper 2001: 106). Trotzdem liegt der Fokus der Polizei auf der Fantrennung zwischen den Vereinen und nicht auf Konflikten innerhalb des Vereins. Beispielhaft hierbei ist ein Konflikt in der Bremer Fanszene vom 19.4.2015 zu nennen, bei dem die Polizei laut der Ultragruppe Infamous Youth aktiv mit ihrem Handeln einen Konflikt mit rechten Hooligans provoziert habe (Infamous Youth). Die Polizei verteidigt ihr Vorgehen mit der Aussage, das aus der Gruppe der Ultras Flaschen auf die Beamten geworfen wurden und sich nur adäquat und der Lage angemessen verhalten haben (Neumann 2015).

Ordnungsdienst:

Der Ordnungsdienst übernimmt die Wahrung der Einhaltung der Stadionordnung die vom jeweiligen Verein erstellt wird. Hier werden je nach Verein auch verschiedene Verbote geregelt. So verbietet Werder Bremen jegliche Äußerung, Gestik oder Symbolik, die Dritte diffamiert und untersagt auch gewisse Modemarken wie beispielsweise Thor Steinar, die im rechten Milieu beliebt ist. Auch werden Materialien wie Spruchbänder, Banner etc. auf „rassistische, fremdenfeindliche, gewaltverherrlichende, diskriminierende, demokratie- und/oder verfassungsfeindliche Inhalte, untersucht“ (Werder Bremen Stadionordnung). Problematisch zeigt sich, dass es vermehrt zu Fällen bei Ordnungsdiensten in Fußballstadien kommt, wo Ordner/innen durch Gewalt oder rechtsextreme Äußerungen und Symbolik aufgefallen sind (Buschmann 2012; Spiegel 2019). 

Fallbeispiel SV Werder Bremen: 

Der Beginn der Bremer Fan- und Ultrakultur ist wie in den meisten deutschen Stadien eher rechts geprägt. Mit der Gruppe Eastside 97 (ES`97) gibt es bis 2005 nur eine Ultragruppe in Bremen, die sich als unpolitisch beschreibt. Neben dieser gibt es noch Hooligangruppen wie Standarte Bremen oder Nordsturm Brema (NSHB), die als eindeutig politisch rechts einzustufen sind und auch überregional in rechtsextremen Strukturen organisiert sind (Börgers/ Henning/ Reising 2012; Interview Bremen: 7:05min). Mit der Auflösung der ES`97, die auch auf politische Spannungen innerhalb der Gruppe zurückzuführen ist, kommt es zur Spaltung der Gruppe und zu drei Neugründungen von denen sich Racaille Verte und Infamous Youth klar antifaschistisch positionieren (Interview Bremen: 8.30min). Infolgedessen entwickelt sich auch ein politischer Konflikt um die Vorherrschaft in der Fankurve zwischen den linksalternativen Ultras und den rechten Hooligans. Es kommt zu Einschüchterungsversuchen der Hooligans innerhalb und außerhalb des Stadions (Interview Bremen: 11:10min). Dieser Konflikt eskaliert bei einer Party in den Räumlichkeiten des Weserstadions 2007 zum Geburtstag der Gruppe Racaille Verte. 25 Personen, die dem Hooliganmilieu zugeschrieben werden, greifen die Party der vorwiegend jungen Ultras an. Die Folge sind mehrere schwerverletzte Personen aufseiten der Ultras. Dieser Angriff stellt den Wendepunkt in der Vereinsarbeit dar, aber nicht das Ende des politischen Konflikts, obgleich die Hooligans auch aufgrund von Stadionverboten nicht mehr aktiv im Stadion anzutreffen sind (Interview Bremen: 12:40min). In regelmäßigen Abständen sind die Hooligans vor allem im Umfeld von Fußballspielen in der Stadt anzutreffen. Beispielhaft ist hier die Auseinandersetzung am Verdener Eck 2015 zu nennen, bei der es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen den beiden Gruppen kommt. Infolgedessen werden mehrere Personen von der Polizei verhaftet und teilweise zu Gefängnisstrafen verurteilt (Neumann 2015). Hier zeigen sich allerdings deutlich die veränderten Größenverhältnisse zugunsten der Ultras auf, was allerdings nichts an dem dauerhaften Bedrohungsszenario durch die Hooligans ändert (Interview Bremen: 16min).  

Der Verein sieht das Problem zunächst als ein Konflikt zwischen Werder Fans und spielte diesen auch noch nach dem Konflikt 2007 herunter. Der damalige Fanbeauftragte „sah kein ‚Problem’ mit Rechtsextremismus in der Fanszene – ‚der Ausdruck wäre überzogen‘“ (Brunssen/ Claus 2015: 185). Auch wurde vonseiten des Fanbeauftragten vorgeschlagen, alle Konfliktparteien an einen ‚runden Tisch‘ zu setzen. Dies wurde von den Ultras aufgrund der gewalttätigen Vorfälle, aber auch wegen der rechten Strukturen in der Hooliganszene abgelehnt (Interview Bremen: 20:30min). Später lenkt das Fanprojekt ein und erteilt Hausverbote gegen die am Überfall beteiligten Personen. Auch wird mit den Ordnungsdiensten kooperiert. Diese werden geschult, die rechtsextremistischen Bremer Hooligans wie auch in der Szene gängige Marken, beispielsweise Thor Steinar zu erkennen. Durch Fans in Zusammenarbeit mit dem Bündnis Stand Up (bestehend aus Fanprojekt und verschiedener Jugendinitiativen) wird die Antidiskriminierungs-AG gegründet, die Fans die Möglichkeit bietet, sich zu engagieren. Diese wird später auch von dem Verein mitgetragen und stellt ein Bindeglied zwischen Verein und Fans dar (Interview Bremen: 21.20min; Brunssen/ Claus 2015: 185-186). 

Auch die anderen Fans im Stadion zeigen eine Solidarität mit den Ultras, die auf dem antirassistischen Konsens basiert. Beispielhaft sind hier die „Nazis raus“ rufe in Bochum 2008, als Anhänger der Gruppe NSHB ein Banner aufhängen. Ein Großteil der 6000 Fans solidarisierte sich mit den Ultras, die versuchen, dies zu unterbinden. Dieser Vorfall erzeugt auch ein mediales Echo und führt zu Zusprüchen und Solidaritätsbekundungen seitens des Vereins, des DFB und der DFL (Kölner Stadt Anzeiger 2008). 

Bezüglich der Polizei wird auch hier eine fehlende Sensibilisierung kritisiert. So wird vonseiten der Ultras der Konflikt am Verdener Eck auf ein fehlerhaftes Verhalten der Polizei zurückgeführt, die die Ultras in Richtung der Hooligans drängte und es nur dadurch zu einer Eskalation kommt. Dies wird von der Polizei verneint, die ihren Einsatz mit Flaschenbewurf seitens der Ultras rechtfertigt (Neumann 2015). Auch gibt es Kritik der Fans, aber auch der Politik an dem Urteil des Bremer Amtsgerichts bezüglich der Strafen gegen die Hooligans, die am Angriff der Party 2007 beteiligt waren. Das Gericht hätte der politischen Dimension zu wenig Bedeutung beigemessen, was sich auch in den Urteilen von Geldstrafen zwischen 200-1300 Euro widerspiegelt (Alsmann 2011).  

Fazit:

Es zeigt sich, dass das Weserstadion Austragungsort politischer Konflikte war und auch immer noch ist, in dem allerdings viele interne wie externe Parteien Einfluss nehmen (können). Der Konflikt in Bremen beginnt mit dem Entstehen von konträrpolitischen Meinungen, hier antirassistische Gesellschaftsvorstellungen, die sich gegen die Majorität im Stadion, die zum Großteil politisch rechts oder rechts offen ist, durchzusetzen versucht. Somit wird das Stadion als ein Ort der politischen Auseinandersetzung neugeformt, entsprechend des zweiten Grundsatzes nach Foucault. Dabei zeigt sich auch, dass es zu einer schnellen Zuspitzung des Konfliktes kommt. Dies lässt vermuten, dass das Stadion nicht dauerhaft als Ort starker politischer Konflikte bestehen kann, da keine Koexistenz der verfeindeten Lager möglich ist. Dies könnte auch auf den sehr begrenzten Raum des Stadions zurückgeführt werden, der wenn eine Gruppe das Gewaltmonopol innehat, die andere Gruppe daran hindert, dieses zu besuchen oder sich auszuleben. Auch die zeitliche Eingrenzung durch Öffnung und Schließung des Raumes Stadion kann dazu führen, dass  als Folge daraus sich der Konflikt aus dem Stadion heraus verlagert, da sich der Konflikt immer weiter zuspitzt. Dies ist sowohl lokal als auch zeitlich geschehen, was wiederum zu einer Intensivierung des Konfliktes führt. Aus diesem Grund soll hier der dritte Punkt von Foucaults Einordnung einer Heterotopie für den Raum Stadion erweitert werden. In dem Fall des Stadions als Ort politischer Auseinandersetzung findet eine Ausdehnung dieses Ortes statt. Da die Konflikte außerhalb des physischen Raumes Stadion ausgetragen werden, aber durch diesen Entstanden sind, müssen sie auch im Kontext dieses gedeutet werden. Auch die verschiedenen Akteure und deren Einfluss auf die Konfliktparteien spielen eine essenzielle Rolle. So zeigt sich zumindest im Fall des Konflikt in der Bremer Fanszene, dass die Gruppe, die den meisten Zuspruch durch die externen Parteien erhält, den Konflikt für sich entschiedet. Es ist erkennbar, wie einflussreich die Arbeit von Akteuren ist, die sich, wie in Bremen, hinter die linksalternativen Fans gestellt haben. 

Ein weiteres Problem in dem politischen Konflikt innerhalb der Bremer Fanszene ist dessen Anerkennung durch externe Akteure. Erst durch die Anerkennung eines Konfliktes, der primär eine politische Dimension aufzeigt, ist eine aktive Arbeit der Parteien erkennbar und auch effektiv. Hier spielten vor allem die Medien eine essentielle Rolle. Auch ist klar, dass in einem Stadion mit vielen Tausend Menschen politische Differenzen zu finden sind und keine gemeinsame politische Meinung vorherrscht. Die Frage ist nur, inwieweit diese zu einem Konflikt wird. Dieser Beitrag beschreibt diese Entstehung bei Konfliktparteien, die am offensichtlichsten im Stadion agieren und somit auch am ehesten einen offensichtlichen Konflikt entstehen lassen. Dennoch kann es auch ohne offensichtliche politische Kämpfe keinen Ort der Massen ohne politischen Diskurs geben, da sich dieser nur in seiner Intensität voneinander unterscheiden kann. 

Quellenverzeichnis:

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