Was waren die Motive von Hausbesetzer*innen in Bremen in den frĂŒhen 1990er Jahren und wie unterscheiden sie sich von den Motiven der Hausbesetzer*innen der “Dete”, die im Oktober 2020 besetzt wurde?

Besetzte HĂ€user gehörten in Bremen in den 1970er und 1980er Jahren, wie auch in anderen StĂ€dten, ganz selbstverstĂ€ndlich zum Stadtbild dazu und bildeten einen zentralen Teil der Protestbewegungen dieser Zeit. Auch in den frĂŒhen 1990er Jahren wurden in Bremen weiterhin Versuche unternommen HĂ€user zu besetzen, abgesehen von ehemaligen Besetzungen, die teilweise einen Legalisierungsprozess durchlaufen hatten und beispielsweise fĂŒr Zwecke eines Kulturzentrums ausgebaut oder bereits genutzt wurden (Scheda/Sinn/ZĂŒghart 2000: 24-25). Welche konkreten Motive gab es bei Hausbesetzungen in den frĂŒhen 1990er Jahren in Bremen? Im Archiv der Sozialen Bewegungen Bremen konnte ich Ausgaben der damals wöchentlich erscheinenden, bremischen Zeitschrift „Bambule“ unter die Lupe nehmen, sowie darĂŒber hinaus auch ein paar Ausgaben der jĂ€hrlich erscheinenden Zeitschrift „Kassiber“ aus Bremen einsehen. ZusĂ€tzlich werde ich die Motive der Hausbesetzer*innen der „Dete“, die im Oktober 2020 besetzt wurde, anhand von Zeitungsartikeln und Sozialen Medien herausarbeiten. Anschließend werde ich Unterschiede zwischen den Motiven der damaligen Besetzer*innen und den Motiven der Besetzung der „Dete“ im Herbst 2020 herausstellen. Zum Ende folgt eine Zusammenfassung und ein Ausblick.

Die Besetzung des „Haus Nawatzki“ im Juni 1990

Im Juni 1990 wird die sogenannte „Nawatzki-Villa“ in Bremen-Vegesack nach 10 Jahren Leerstand durch eine Gruppe junger Leute besetzt. Sie befindet sich im Besitz des sogenannten „Bremer Vulkan“, des Werftenverbundes, der 1997 aufgrund von kontroversen Fehlkalkulationen endgĂŒltig ein tragisches Ende fand. Die Villa wurde 9 Jahre zuvor, im April 1981, bereits von Jugendlichen besetzt und wieder gerĂ€umt. Ende Juli 1993 wird die „ Nawatzki-Villa“ nach 23 Tagen Besetzung von den Besetzer*innen ebenfalls wieder verlassen, nachdem ein RĂ€umungsbeschluss des EigentĂŒmers vorliegt und die Polizei mit einem Großaufgebot zur Durchsetzung der RĂ€umung erscheint (Staatsarchiv Bremen 10.B Al 1752). Sie verlassen es ungesehen durch ein Seitenfenster, nachdem „die Idee, die Polizei mit einem SektfrĂŒhstĂŒck zu begrĂŒĂŸen […] im letzten Moment an Zweifeln am Humor der Polizei [scheiterte]“ (Taz 26.7.1990). Zuvor hatten Ortsamtsleiter, Sozialbehörde und „Wohnungshilfe e.V.“ den Besetzer*innen zwei HĂ€user als Wohnraum angeboten. Demnach wĂ€re „Platz fĂŒr 10 Jugendliche, die einen ordentlichen Mietvertrag bekommen sollten“ (Taz 21.7.1990). Die Besetzer*innen willigten ein, aber eine Liste an Personen wird nach internen Diskussionen nicht rechtzeitig eingereicht, da keine Einigung auf eine Auswahl an Personen möglich war (Taz 21.7.1990). Der Ortsamtsleiter konnte daraufhin kein VerstĂ€ndnis aufbringen (Taz 21.7.1990).

Motive der Besetzung waren, wie auch in frĂŒheren Besetzungen im Stadtteil Vegesack gefordert wurde, billiger Wohnraum fĂŒr ein «alternatives, unkommerzielles Wohnen» (Taz 3.7.1990). Nachdem das GebĂ€ude durch Ausreißen der Fenster und hohe UmzĂ€unung auf Antrag des EigentĂŒmers ‘total unbewohnbar’ gemacht wird, verbleibt lediglich ein Transparent am GebĂ€ude, auf dem es heißt ‘Ohne uns zu fragen, wird hier kein Stein abgetragen’ (Taz 26.7.1990). So lĂ€sst sich vermuten, dass ĂŒber die erste Forderung hinaus eine Einbeziehung von Anwohnenden in der Frage nach einem potentiellen Abriss des GebĂ€udes verlangt wird.

Die Besetzung im Buntentorsteinweg 120 im Januar 1994

Am 25. Januar 1994 besetzt die NeustĂ€dter Initiative fĂŒr bezahlbaren Wohnraum ein WohngebĂ€ude im Buntentorsteinweg 120. Das GebĂ€ude umfasst 10 Wohnungen, wird ebenfalls von der Bremischen verwaltet und die ehemaligen Bewohner*innen wurden im vorherigen Jahr systematisch „entmietet“ (Bambule 37, 2). Daraufhin stand das GebĂ€ude leer bzw. wurde PrivateigentĂŒmer*innen zum Verkauf angeboten und wartete laut der Initiative auf eine Luxussanierung. Die Besetzung kann jedoch nur vier Stunden aufrecht erhalten werden, da bereits wĂ€hrend der ersten Aufforderung das Haus zu verlassen SEK-Beamt*innen mit einem massiven Polizeiaufgebot in das GebĂ€ude stĂŒrmen. 16 Personen werden festgenommen, ED behandelt und ihnen wird Haus- und schwerer Landfriedensbruch vorgeworfen (Bambule 37,2). Die Treppe zwischen Erdgeschoss und erstem Stock waren bereits vor der Besetzung herausgeschlagen worden, vermutlich um eine solche abzuwenden. Am Tag nach der Besetzung werden die unteren Etagen im Auftrag der Bremischen unter Polizeischutz zugemauert. Die Initiative ordnet die Besetzung in der Bambule in einen grĂ¶ĂŸeren Kontext ein. So sei das „gelbe Haus [
] durch seine Lage um innenstadtnahen Teil der Neustadt Ziel von UmstrukturierungsplĂ€nen. HĂ€user in dieser Lage haben einen hohen Wert als Geldanlagen [
]“. DarĂŒber hinaus schreiben sie:

[
] Schon jetzt mĂŒssen viele Menschen ĂŒber 50 % ihres Einkommens Monat fĂŒr Monat auf den Tisch legen, um ihren Wohnraum zu bezahlen. Wenn die Mieten weiter steigen, werden nicht wenige gezwungen sein, auf die „billigeren“ Stadtteile Bremens auszuweichen. Sie werden mit weiteren Wegen und weniger Platz leben mĂŒssen. Anderswo dagegen werden teurere Wohnungen und HĂ€user unbewohnt bleiben. Gleichzeitig finden immer weniger Menschen Arbeit und bezahlbaren Wohnraum. Beispiele einer solchen „Veredelungs-Politik“ sind das vordere Ostertor, das Sanierungsgebiet Weidedamm 2, aber auch die BĂŒrgerweide.

Politisch verantwortlich fĂŒr diese stĂ€dtebaulichen Maßnahmen ist der Senat. Er ist nicht in der Lage, ausreichend bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Stattdessen begegnet er denen, die das Problem selbst in die Hand nehmen mit Polizeigewalt und Strafverfahren. Im Gegensatz dazu brachten und die AnwohnerInnen des Buntentors nicht nur VerstĂ€ndnis entgegen, sondern machten uns auch auf weitere leerstehende HĂ€user aufmerksam.

Es lĂ€sst sich also herausstellen, dass das Grundmotiv der Akteur*innen in diesem Fall die Forderung nach bezahlbaren Wohnraum darstellt. DarĂŒber hinaus beabsichtigen die Akteur*innen durch ihren Protest die ungeregelten marktwirtschaftlichen Dynamiken in der bremischen Wohnungspolitik zu skandalisieren, dessen weitreichende gesellschaftliche Konsequenzen insbesondere fĂŒr Geringverdienende sie als problematisch herausstellen. DarĂŒber hinaus nehmen die Akteur*innen Bezug auf das „Buntentorhaus“. So heißt es weiter:

Das mit Wohnungspolitik auch sozialer Wohnungsbau gemeint ist, bezweifeln wir angesichts vieler leerstehender HĂ€user und Luxussanierung allerdings stark. Spekulationen – mit Objekten wie diesem oder dem ehemals besetzten Haus am Buntentor 372-76 – scheinen vielmehr im Vordergrund zu stehen. Dies kann nicht im Interesse der Menschen dieser Stadt sein, denn eine solche Wohnungspolitik orientiert sich lediglich an den BedĂŒrfnissen einiger weniger privilegierter.

Die Besetzung des „Buntentorhaus“ im Buntentorsteinweg 372-376 von 1987 bis 1994

In der Ausgabe 18 der Bambule heißt es Ende April 1993:

Obwohl der CDU-Ortsbeirat eindringlich vor einer VerlĂ€ngerung des Vertrages fĂŒr die Nutzerinnen des GrundstĂŒckes Buntentorsteinweg 372-376 warnt…kĂ€mpfen wir fĂŒr den Erhalt des Frauen-Wohn-Werkstatt-Atelier-Projektes im Buntentorsteinweg und somit fĂŒr die VerlĂ€ngerung des Nutzungsvertrages mit fĂŒr uns akzeptablen Bedingungen.

Das besagte GelĂ€nde und GebĂ€ude ist damals kommunaler Wohnungsbestand und wird, wie damals zahlreiche andere GebĂ€ude, von der Bremischen Gesellschaft fĂŒr Stadterneuerung, Stadtentwicklung und Wohnungsbau, auch „Bremischen“ genannt, verwaltet. Die damalig noch fĂŒr den Senat verwaltende „Bremische“ erwartet allerdings im Zuge der Wohnungspolitik der Ampelkoalition in Bremen eine gĂ€nzliche Privatisierung, wie ein Jahr spĂ€ter deutlich wird.

Sechs Jahre zuvor, 1987, wird das damals leerstehende GebĂ€ude im Buntentorsteinweg 372-376von ca. 50 Personen aus einer gemischtgeschlechtlichen Szene besetzt, der „Verein fĂŒr freie Kulturentfaltung, kommunikatives und selbstbestimmtes Leben e.V.“ gegrĂŒndet und nach langen Verhandlungen mit der Sozialbehörde ein Nutzungsvertrag mit Wohnrechten abgeschlossen. Dieser war 1988 schließlich unterschriftsreif und sollte fĂŒnf Jahre laufen (Daschner Taz 1993:1). Schließlich bot das GebĂ€ude ab 1989 fĂŒr 10 Personen Wohn- und Freiraum, sowie StellflĂ€che fĂŒr BauwĂ€gen auf dem GelĂ€nde. DarĂŒber hinaus wurde es von zahlreichen Frauen und Lesben als Werkstatt, Atelier, Veranstaltungsraum, multifunktionale Halle und Fotolabor genutzt (Bambule 1993: 18,1). Als am 31.5.1993 dieser Vertrag enden soll, wird ĂŒber Monate hinweg in Form von Verhandlungen mit der Stadt, sowie Informationsverstanstaltungen, breiter Mobilisierung und einem wiederholten Besetzungsversuch des GebĂ€udes fĂŒr eine weitere Nutzung gekĂ€mpft. In den Sitzungen des Beirats der Bremer Neustadt wird am 29.4.1993 mit 9 zu 7 Stimmen auf Antrag der CDU gegen eine VerlĂ€ngerung des Nutzungsvertrags entschieden. Als Grund wird u.A. eine Kritik von Nachbar*innen angefĂŒhrt, welche «3 Monate lang eine eine Wohnung nicht vermieten [konnten], weil die Fassade des Hauses gegenĂŒber unzumutbar war» (Bambule 1993: 19,1). Kritisch wird von den Autor*innen des Textes in der Zeitschrift „Bambule“ Anfang Mai angemerkt, dass die besagte Wohnung allerdings lĂ€ngst vermietet sei. Trotz einer Selbstdarstellung der Arbeit der Frauen und KĂŒnstler*innen im Beirat, sowie positiven Stimmen von behördlicher Seite, sind die Beiratsabgeordneten in der Mehrheit dagegen. Die endgĂŒltige Entscheidung soll schließlich am 11.5.1993 in der Bremer BĂŒrgerschaft getroffen werden, wobei die Autor*innen sich die Frage nach einer „BĂŒrger(Innen?)schaft“ nicht verkneifen können und ein vehementes Verbleiben auf dem GelĂ€nde ankĂŒndigen. Hier wird bereits deutlich, dass die Hausnutzer*innen ĂŒber die konkrete Forderung nach Erhalt des Projektes hinaus das Ziel hatten eine Wohnungspolitik zu kritisieren, die zunĂ€chst einmal mehrheitlich von mĂ€nnlichen Politikern ausgefĂŒhrt wird.

In der darauffolgenden Ausgabe wird ĂŒber die Enthaltung der damaligen regierenden Koalition in der BĂŒrgerschaftssitzung berichtet, welche sich aus SPD, GrĂŒnen und FDP zusammensetzte (Bambule 1993: 21,1). Zu diesem Zeitpunkt scheint die Perspektive noch unklar zu sein, allerdings berichten die Autor*innen schon von der Annahme, dass möglicherweise Bauvorhaben der Stadt bestehen und diese mit relativ hoher Sicherheit auf das ehemals besetzte GelĂ€nde im Buntentorsteinweg abzielen. In Bambule und Bremer Kassiber wird in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden ĂŒber die aktuellen Geschehnisse um Hausbesetzungen und andere Protestformen in Bremen berichtet, sowie zu zahlreichen Veranstaltungen eingeladen. So finden in im Buntentorhaus beispielsweise TheaterstĂŒcke, Tanzveranstaltungen, Konzerte, Ausstellungen, Frauen-Fahrrad-SelbsthilfewerkstĂ€tten, Tage der offenen TĂŒr, Frauen-Lesben-Feten, KinderĂŒberraschungsfeste mit Livemusik, sowie Kneipenabende statt. Dabei werden des Öfteren explizit nur Frauen oder Frauen und Lesben eingeladen, aber auch regelmĂ€ĂŸig Veranstaltungen fĂŒr alle angeboten. DarĂŒber hinaus wird regelmĂ€ĂŸig auch von anderen selbstorganisierten Initiativen zu beispielsweise „Soli-Feten“ eingeladen, welche sich mit den Anliegen der Hausnutzer*innen solidarisieren (Bambule 1993: 22,1).

Abbildungen Bambule 1993: 21
Abbildungen Bambule 1993: 22

Entgegen den angepriesenen Möglichkeiten eines weiteren Nutzungsvertrags oder immerhin einer einjĂ€hrigen Duldung, die laut der Bambule mehrere Politiker*innen, wie beispielsweise Sabine Uhl, der damaligen Senatorin fĂŒr Frauen und Arbeit, verkĂŒndet hatten und obwohl keine BebauungsplĂ€ne vorliegen, wird im Juni 1993 dem Antrag der CDU auf Bebauung des GelĂ€ndes zugestimmt bzw. der Beiratsentschluss durch die Enthaltung der regierenden Ampelkoalition in der BĂŒrgerschaftssitzung nicht verhindert. Als BegrĂŒndung wird angefĂŒhrt, dass «[das Projekt] zur Verslumung des Stadtteils [beitrage]. Der Ă€ußere Eindruck des Hauses senkt [
] die Verkaufspreise fĂŒr umliegende Eigentumswohnungen.“ (Bambule 1993: 25, 1). Dadurch bewahrheitet sich fĂŒr die Besetzer*innen die befĂŒrchtete politische Wende hinzu Einladungen an “GrundstĂŒcksspekulanten” und eine Politik im Sinne einer sauberen Neustadt als Wohnraum ausschließlich fĂŒr wohlhabende “Yuppies” (Bambule 1993: 25, 1) Die politischen Akteur*innen der Regierung legitimieren dies laut den Besetzer*innen indem sie einen „Interessenkonflikt aus dem Boden [stampfen]“, in denen sich das „Frauen-,Wohn-,Arbeitsprojekt“ der „Wohnungsnot“ entgegenstelle, ohne dass auf anderweitige brachliegende BebauungsflĂ€chen in der Neustadt eingegangen werde (Bambule 1993: 25, 1). Daraufhin heißt es weiterhin vehement „Wir bleiben!“ und „[
] wir lassen uns nicht vereinzelt in Wohnklos abschieben.“, darunter prangt ein Logo mit dem Venussymbol und der Aufschrift „Atelier-Werkstatt-Lebenskunst“ (Bambule 1993: 25, 1).

Abbildung Bambule 1994: 47, S.5

Im Zuge der Sommermonate 1993 wird die Entscheidung getroffen, die Verhandlungen mit der Stadt abzubrechen, da der Verleib des Projekts auf dem GelĂ€nder keine Option mehr zu sein scheint, keine bereits seit Mai 1993 angekĂŒndigten ErsatzgebĂ€ude angeboten wurden und gefordert wurde, dass das GelĂ€nde im Februar 1994 freiwillig verlassen werden soll. Dazu heißt es „[
] Wir werden in keinem Fall im Schulterschluss mit der Behörde das Ende unseres Projektes besiegeln […]“(Bambule 31,2).

Mitte Oktober spitzt sie die Lage nochmals zu, da die Stadt das GelĂ€nde nun fĂŒr lediglich 400.000 DM zu verkaufen plant (Bambule 31,2). Als die RĂ€umung schließlich naht, heißen die Hausnutzer*innen jegliche UnterstĂŒtzung willkommen und es wird eine Aktionsplanung angestoßen, die verschiedene Protestformen umfassen soll (Bambule 45,1). DarĂŒber hinaus findet das im Herbst ebenfalls fĂŒr BauplĂ€ne auserwĂ€hlte Parzellengebiet am Weidedamm III in den Aufrufen und Texten oft ErwĂ€hnung, da die jeweiligen Nutzer*innen planen kollektiv Protestveranstaltungen zu organisieren. Daraufhin wird u.A. die Sozialbehörde besetzt.

Es geht hier nicht alleine um das Projekt Buntentorsteinweg, sondern um die Tatsache, daß die Stadt […] in diesem Sommer systematisch selbstgeschaffene FreirĂ€ume zerstören will. Dabei können wir nicht tatenlos zusehen, sondern sollten der sich abzeichnenden Entwicklung eine eigene entgegenstellen; zeigen, daß nicht nur die ĂŒblichen Latsch-Demos unsere einzigen Ausdrucksformen und politischen Mittel sein“(Bambule 45,1).

DarĂŒber hinaus wird sich regelmĂ€ĂŸig mit Gruppen aus anderen umliegenden Regionen, wie Hamburg oder Bielefeld vernetzt und beispielsweise fĂŒr den 9.Juli 1994 eine fast ganztĂ€gige „norddeutsche AntirĂ€umungsdemonstration“ in Bremen organisiert. So demonstrierten knapp 300 „Frauen und MĂ€nner aus Bremen, Oldenburg, Papenburg [
] vom besetzten Weidedamm III zum Bundentorhaus unter dem Motto ‚Es ist uns zu eng in Eurem Ghetto’ gegen die RĂ€umung von besetzten HĂ€usern, HĂŒttendörfern und WagenplĂ€tzen“ (Bremer Kassiber 1994: 23,3).

Abbildung Bremer Kassiber 1994: 23, S.3

Insgesamt wird deutlich, dass die Hausnutzer*innen in erster Linie den Erhalt des Projektes als Wohn- und Arbeitsraum fĂŒr sich und andere Frauen/Lesben zum Ziel haben, sich aber zeitweise nach Konflikten sowohl mit Cis-MĂ€nnern, als auch mit anderen Frauen/Lesben, aus politischen ZusammenhĂ€ngen zurĂŒckgezogen haben. Über den Erhalt des Projektes hinaus, bemĂ€ngeln sie die Wohnungspolitik, die mehrheitlich von mĂ€nnlichen Politikern ausgefĂŒhrt wird und im Namen von „Wohnungsnot“ GrundstĂŒcke dem freien Immobilienmarkt und seinen Mietsteigerungen ĂŒberlĂ€sst. Ihre Kritik ist, dass damit die Weichen gestellt werden fĂŒr die generelle VerdrĂ€ngung von alternativen Wohnkonzepten, insbesondere von RĂ€umen fĂŒr Frauen/Lesben und von Kunst und Kultur, die nicht der Verwertungslogik folgen und dessen Form nicht in das Bild eines reinlichen, konservativen Stadtteils passt. Alternative Wohnkonzepte meint in diesem Kontext gemeinschaftliche Wohnformen, die von der bĂŒrgerlichen Kleinfamilie abweichen (Bambule 47,6).

In einem Interview vom 2.9.94 in der Zeitschrift Kassiber wird sich elf Tage vor der RĂ€umung u.A. auf feministische Politik und eine fehlende Zukunftsperspektive bezogen. Darin heißt es:

Clara: Wir verstehen uns [
] als Teil der Frauen/Lesben-Politik, allerdings nicht als große Theoretikerinnen, sondern eher aktiv. Wir haben mehr handwerklich mit Frauen gearbeitet. Ihnen RĂ€ume zur VerfĂŒgung gestellt usw. Das war unsere PrioritĂ€t. Wir haben nie radikalfeministische Politik betrieben.

Mona: Daraus und aus unserer Geschichte ergibt sich der gemischte Widerstand. Die Veranstaltungen, die wir gemacht haben, waren, bis auf die Frauen/Lesbenpartys, immer gemischt. [
]

kassiber: Könnt Ihr mittlerweile besser mit der permanenten RÀumungsbedrohung umgehen?

Anne: Sagen wir so: Wir wissen jetzt um die praktische Dimension der „ZermĂŒrbungstaktik“ und der RĂ€umungsdruck ist in den Alltag ĂŒbergegangen. Dadurch laufen wir nicht mehr mit so einem hohen Adrenalinspiegel durch die Gegend. Wenn jetzt neue Infos kommen, können wir sie etwas genauer und sachlicher behandeln, bevor irgendwelche Entscheidungen gefĂ€llt werden. [
]

kassiber: Wie sehen Eure persönlichen Perspektiven nach einer eventuellen RÀumung aus?

Clara: Es ist schwierig an Perspektiven zu arbeiten. Hier geht es zur Zeit um Gegenwart. Wenn wir ein GelĂ€nde zum Weitermachen haben, machen wir weiter. Es gibt außer dem Buntentor keine Perspektiven. In allernĂ€chster Zukunft ist es erstmal wichtig, einen Platz fĂŒr die Wagen zu finden.

Anne: Es geht erstmal um pure Existenzsicherung. Von da aus muß dann weiterentwickelt werden [
.]

Mona: Es ist jetzt wichtig, den Widerstand hier auf dem GelĂ€nde auszubauen, egal ob realistisch oder nicht. Ungeachtet dessen ist es natĂŒrlich schwer mit den Erfahrungen von hier, nochmal blauĂ€ugig irgendwo reinzuschlittern. Bei einer eventuellen Neubesetzung muß vorher genau geguckt werden, wie und mit welchen es geht.

Anne: [
] Wenn das Buntentor gerÀumt wird, wird es in jedem Fall weitergehen. Denn hinter dem Ganzen steht eine Lebensauffassung. Jede hat zu VerÀnderungen was anderes im Kopf. Fehler, die am Anfang gemacht wurden, gilt es zu vermeiden und dazu gibt es einiges aufzuarbeiten.

Clara: Am besten kann diese Aufarbeitung stattfinden, wenn wir das Buntentor behalten, darum leisten wir den Widerstand ja auch vor Ort. Wir wollen auf jeden Fall bleiben! (Bremer Kassiber1994:23, 9)

Am 13.9.94 wird das Buntentorhaus gerĂ€umt und wĂ€hrend von Festnahme der Personen mit dem Abriss des GebĂ€udes begonnen. In einem Redebeitrag auf einer Demo am 17.9.94 wird die RĂ€umung in eine Reihe gestellt mit aktuellen Repressionen gegen antifaschistischen Widerstand, Behinderung von Kirchenasyl und drohenden Abschiebungen, öffentliche Aufrufe zur Vertreibung von Obdach-losen, Äußerungen von GrĂŒnen-Politiker*innen zur Kriminalisierung der Gegendemonstration der Einheitsfeier am 3.10., sowie zur RĂ€umung des Bunteintorhauses. Abschließend wird zusammengefasst „Die sogenannte liberale Bremer Linie hat sich enttarnt![
]“, aber auch „Das Buntentor ist platt, aber nach ein paar Tagen Trauer, EnttĂ€uschung und Wut haben wir immer noch Lust und Power. Wir machen weiter!“ (Bremer Kassiber 1994: 23, 9) .

Abbildung Bremer Kassiber 1994: 23, Titelbild

Die Besetzung der Dete im Oktober 2020

Die Dete wird am 9.10.2020 von der Rosaroten Zora, einer anarchistischen Flinta*-Gruppe, besetzt. Flinta* meint Frauen, Lesben, inter*geschlechtliche, nonbinĂ€re, trans*geschlechtliche und agender Personen. Bei der Besetzung handelt es sich um eine SolidaritĂ€tsaktion, da am gleichen Tag ein seit Jahrzehnten von Queerfeminist*innen genutztes Hauses in der Liebigstraße 34 in Berlin gerĂ€umt wird (Peter Taz 2020). Die Dete befindet sich in der Lahnstraße in der Bremer Neustadt und war bis 2012 grĂ¶ĂŸtenteils LadenflĂ€che des Einrichtungshaus “Deters”, dessen Schriftzeug auf dem Vordach schon wĂ€hrend einer Zwischennutzung von Oktober 2013 bis Juli 2014 zwei Buchstaben verlor, sodass es schon damals die Dete wurde. Der EigentĂŒmer „MĂŒller und Bremermann“ verlĂ€ngerte die Nutzungsdauer allerdings schon damals nicht, obwohl die Zwischennutzung als Kulturveranstaltungs- und AtelierflĂ€che von Anwohnenden und Beiratssprecher*innen hochgelobt und sogar eine BĂŒrger*inneninitiative samt 2.000 Unterschriftensammlung fĂŒr den Erhalt organisiert wurde (Juschkat 2014). Daraufhin stand das GebĂ€ude leer, wurde nicht Instand gehalten und erlitt u.a. einen Dachschaden, welcher schließlich zu einer großflĂ€chigen Schimmelbildung fĂŒhrte, wie spĂ€ter festgestellt wird.

Eigenes Foto, Oktober 2020

Als die Rosarote Zora mit zunÀchst ca. sechs Personen das GebÀude im Oktober 2020 besetzt, wird sich zunÀchst auf eine baldige RÀumung eingestellt (Götz 2020).

Es werden Banner gehisst, wie beispielsweise „Liebig34 lebt!“, „Bildet Banden!“, „Smash the Cistem“, „Smash The State Masturbate“ oder „Macker Raus – Unser Haus“. Es folgt eine immense SolidaritĂ€t von den Anwohnenden, welche die Besetzer*innen im Haus und UnterstĂŒtzer*innen vor dem Haus regelmĂ€ĂŸig mit Brötchen, Schokolade, WĂ€rmflaschen und Tee versorgen. Trotz AnkĂŒndigungen und RĂ€umungsklage gibt es keine sofortige RĂ€umung, sondern ein Straßenfest mit Einladung an die Anwohnenden mit Konzert, Essen und großem offenen Flinta*-Plenum der UnterstĂŒtzenden. Politiker*innen von der Linken, sowie von den GrĂŒnen solidarisieren sich in der Presse mit den Besetzer*innen (Trammer 2020). In der Folge wird zusĂ€tzlich zum Haus die Straße vor dem Haus besetzt und es wird u.A. ein Banner mit der Aufschrift „Leerstand?Besetzen!“ an der Straßenblockade befestigt.

Eigenes Foto, Oktober 2020

Um eine RĂ€umung von Straße und Haus zu verzögern werden GesprĂ€che mit den anwesenden Polizist*innen gefĂŒhrt und scherzhaft Forderungen nach Strom, Wasser, Heizung und eine öffentliche Begehung des Hauses gefordert. Im Laufe des Tages wird die RĂ€umungsklage des EigentĂŒmers zurĂŒckgezogen und er kĂŒndigt an möglicherweise eine Zwischennutzung anzubieten (DrĂŒgemöller 2020). Daraufhin tritt den Straßenbesetzer*innen einen Tag spĂ€ter, nach vier Tagen Tag-und-Nacht-Schicht, der Vertreter der Bausenatorin Maike SchĂ€fer entgegen um mit ihnen ein freiwilliges Freimachen der Straße auszuhandeln und im Gegenzug auf Forderungen der Besetzer*innen einzugehen. Nach zahlreichem RĂŒckbesprechen in Plena der Straßenbesetzer*innen, an welchen sich auch einzelne Personen der Rosaroten Zora beteiligen, wird sich schließlich darauf geeinigt Strom, Wasser, Heizung, eine öffentliche Begehung, sowie bei Nicht-Eignung des Hauses einen anderen geeigneten Raum fĂŒr Flinta*-Personen zu fordern, welcher unbefristet genutzt werden kann. Der Stellvertreter der amtierenden Bausenatorin und weitere Zeug*innen von Seiten des Senats nehmen die Forderungen nach mehrmaligem Abwarten der jeweiligen Plenumsentscheidung in das Verhandlungsdokument auf und unterschreiben. UnglĂ€ubig wird von den Straßenbesetzer*innen auf das schriftliche Versprechen der Bausenatorin angestoßen. Die Rosarote Zora verlĂ€sst allerdings das GebĂ€ude und Ă€ußert sich bei Twitter kritisch zu den Verhandlungen mit der Stadt:

Wir freuen uns, dass die solidarischen FLINTA*-Personen ihre Forderungen nach Tagen harter Arbeit erfĂŒllt bekommen haben. Es wird einen FLINTA*-Space in Bremen geben! <3

Allerdings als Klarstellung. Wir als Rosarote Zora sind eine anarchistische Gruppe. Wir kĂ€mpfen gegen Staat und Patriarchat. Wir als Rosarote Zora haben diesen Vertrag nicht ausgehandelt und werden in Zukunft auch nie mit Politiker*innen verhandeln. AusfĂŒhrliches Statement folgt.

Daraufhin bildet sich eine lose Gruppe von Flinta*-Personen aus den Kreisen der UnterstĂŒtzer*innen und Straßenbesetzer*innen, welche nach wie vor fĂŒr einen langfristigen Raum fĂŒr Flinta*-Personen kĂ€mpfen will und die Bereitschaft hat dafĂŒr auch mit Abgeordneten zu verhandeln (DrĂŒgemöller 2020).

Eigenes Foto, Oktober 2020

In einem Telegram-Channel, der im Laufe der Haus- und Straßenbesetzung eingerichtet wurde und ca. 900 Interessierte erreicht, wird eine Liste an Forderungen veröffentlicht. Die Autor*innen bezeichnen sich selbst als

Solidarische FLINTA* und UnterstĂŒtzer*innen der Besetzung, die sich auf der Straße vor der DETE zusammenfinden. Wir sind keine feste Gruppe. Wir haben den Anspruch antirassistisch und antisexistisch zu sein und laden insbesondere BIPoC’s, durch die Gesellschaft be_hinderte Personen und marginalisierte FLINTA* ein, ihre Perspektiven einzubringen.

Die erste Version der Forderungen wird aufgrund von diskriminierenden Formulierungen kritisiert und eine neue Fassung angefertigt. GrundsĂ€tzlich werden „unkommerzielle und nachhaltige RĂ€ume in Bremen“ gefordert, welche „safer spaces, d.h. geschĂŒtzere RĂ€ume, fĂŒr FLINTA*-Personen sein“ sollen. An die Stadt richten sich beispielsweise Forderungen wie „Investor*innen dĂŒrfen nicht mit gezieltem Leerstand Profit machen und ihre Immobilien verfallen lassen!“, damals noch „Entkriminalisierung der Besetzung!“ und „Wir fordern „BIRTH CERTIFICATES FOR ALL“/ „GEBURTSURKUNDEN FÜR ALLE“ und schließen uns damit den Forderungen der Schwarzen MĂŒtter an, die am 22. September vor dem Standesamt Bremen Mitte protestiert haben“. Diese Forderung bezieht sich auf den vehementen Protest von Schwarzen MĂŒttern aus der Gruppe „Together we are Bremen“, die aufgrund von unklaren Aufenthaltsstatus keine Geburtsurkunden fĂŒr ihre Babys vom Standesamt ausgehĂ€ndigt bekommen und denen unterstellt wird, in ihren HerkunftslĂ€ndern verheiratet zu sein, sodass die vorgelegte Vaterschaft nicht anerkannt wird und die Babys seit Monaten und teilweise Jahren keine Krankenversicherung und keine Ă€rztliche Versorgung bekommen.

An die UnterstĂŒtzer*innen der Hausbesetzung gerichtet heißt es in den veröffentlichten Forderungen im „Dete-Infochannel“ u.A. „Priviligierte weiße cis-hetero Personen: Ihr profitiert enorm von der rassistischen sexistischen queerfeindlichen Gesellschaftsordnung auf Kosten von FLINTA*-Personen! Es ist das Mindeste, dass ihr Ressourcen aufbringt, um fĂŒr die Einrichtung von FLINTA*-RĂ€umen einzutreten“.

An (weiße) Cis-MĂ€nner gerichtet heißt es u.A.:

Setzt euch endlich mit eurer Überprivilegierung auseinander! Reflektiert euren Beitrag an der Erhaltung rassistischer patriarchaler queerfeindlicher Strukturen – auch auf individueller Ebene (z.B. in euren zwischenmenschlichen Beziehungen!) Übernehmt endlich Care-Arbeit! Nicht nur ein bisschen, nicht nur ab und zu, nicht nur, wenn es in den Kram passt, sondern immer! [
] Zu Care-Arbeit gehört mehr als mal Kekse fĂŒr ein Plenum bereit zu stellen. Es ist nicht die Aufgabe queerer &+ BIPoC FLINTA*-Personen euch ĂŒber kritische MĂ€nnlichkeit aufzuklĂ€ren – bildet euch selbst weiter und handelt aus Eigeninitiative! Auch wenn niemand zusieht oder klatscht! Und ĂŒber den 8.MĂ€rz hinaus. [
]

DarĂŒber hinaus wird sich generell an Flinta*-Personen gerichtet.

Auch in queeren FLINTA* RĂ€umen gibt es Machtstrukturen und –hierarchien! Ihr seid auf unterschiedlichste Weise (de)privilegiert und reproduziert diskriminierende Strukturen. So profitieren beispielsweise als cis-mĂ€nnlich gelesene FLINTA*-Personen von patriarchalen VerhĂ€ltnissen, heterosexuelle FLINTA*-Personen von heteronormativen Strukturen , cis-geschlechtliche FLINTA*-Personen von Cis-NormativitĂ€t und weiße FLINTA*-Personen von Rassismen. Habt das auf dem Schirm! Reflektiert euch!

Weiß positionierte Flinta*-Personen werden darĂŒber hinaus im Zuge der diskriminierenden Formulierungen der ersten Forderungsliste zusĂ€tzlich adressiert.

„An weiße FLINTA*-Personen: Rassistische Machtstrukturen und – hierarchien werden durch Aussagen wie in der ursprĂŒnglichen Version der Forderungsliste „ BIPOC und marginalisierte FLINTA*: nehmt euch diesen Raum! Kommt hier her und gestaltet mit!“ komplett negiert [
]“.

Schließlich wird sich auf die Liebig34 und auf die Rosarote Zora bezogen.

Die DETE ist nicht nur ein Ort sondern auch ein Symbol! Die LIEBIG34 wurde gerĂ€umt und die Worte hallen immer noch durch die Straßen Berlins „Die RĂ€ume können sie uns nehmen – doch die Community bleibt“. Die RosaRoteZora hat den Anfang gemacht, wir haben uns hier auf der Straße zusammen gefunden und wĂŒnschen uns das sich eine Community entwickelt die in Bremen schon lĂ€ngst ĂŒberfĂ€llig war. Queer. Intersektional. Feministisch. Eine Stadt fĂŒr ALLE!

Die Motive der Rosaroten Zora und die der spontanen UnterstĂŒtzer*innen sind demzufolge getrennt zu betrachten. Gemeinsam ist beiden allerdings das Interesse an einem Raum fĂŒr Frauen, Lesben, inter*geschlechtliche, nonbinĂ€re, trans*geschlechtliche und agender Personen. Die Rosarote Zora verurteilt als anarchistische Gruppe allerdings im Gegensatz zu den spontanen UnterstĂŒtzer*innen jegliche Verhandlung mit Politiker*innen. In einem spĂ€ter bei Twitter veröffentlichten Statement fĂŒhrt die Rosarote Zora aus, dass sie sich deutlich von den Entscheidungen der UnterstĂŒtzer*innen distanzieren.

[…]Unsere Besetzung entstand spontan und aus den Emotionen heraus, die wir zur RĂ€umung der Liebig34 in Berlin hatten. Nehmen Staat und Polizei uns einen Raum, nehmen wir uns einen Neuen. [
] Wir sind eine anarchistische Gruppe. Wir lehnen den Staat ab, was nicht nur bedeutet, dass wir die Bullenschweine hassen, die uns unsere HĂ€user und RĂ€ume nehmen. Wir lehnen auch staatliche Institutionen, Parteien und Parlamentarier*innen mit deren Arbeit ab. [
] Dass Vertreter*innen diverser Parteien und Arschgeige-Bremermann unsere Besetzung so positiv lesen und fĂŒr sich vereinnahmen, verstehen wir als sexistische Diskriminierung unseres Protests und weißes Privileg. [
]

Eigenes Foto, Oktober 2020

Damit positionieren sie sich klar gegen eine „realpolitische“ Forderung und die Ursprungsbesetzung ist als Symbol fĂŒr anarchistische Gesellschaftskritik und SolidaritĂ€t mit den Queerfeminist*innen der Liebig34 zu verstehen. ZusĂ€tzlich werden eine Vereinnahmung des Protests fĂŒr Interessen des EigentĂŒmers und Parteien bzw. die „friedlichen“ Reaktionen auf den Protests als sexistische Diskriminierung verstanden. Demzufolge ist als Motiv der Zora abzuleiten, dass sie durchaus mit Gewalt gerĂ€umt und damit in ihrer anarchistischen Kritik der gesellschaftlichen ZustĂ€nde ernst genommen werden wollten, sowie die Wut ĂŒber die RĂ€umung der queerfeministischen Besetzer*innen in Berlin nach Außen zu tragen und autonom zu agieren.

Zusammenfassung und Ausblick

Zusammenfassend lĂ€sst sich feststellen, dass sich das Motiv fĂŒr die Besetzer*innen des „Nawatzki-Hauses” 1990 laut der Quellenlage in erster Linie auf die abstrakte Forderung nach billigem Wohnraum fĂŒr ein „alternatives, unkommerzielles Wohnen“ bezog. Dagegen hatte der Besetzungsversuch des Hauses im Buntentorsteinweg 120 1994 zum Ziel generell bezahlbaren Wohnraum zu schaffen bzw. die Bremer Wohnungspolitik mit ihren Gentrifizierungs- und VerdrĂ€ngungsplĂ€nen zu skandalisieren. Dabei ging es um konkrete bezahlbaren Mieten und weniger um ein grundsĂ€tzlich unkommerzielles Wohnen oder alternative Wohnformen, wie 1990.

Das ab 1987 besetzte Buntentorhaus wurde zunĂ€chst von einer All-Gender-Gruppe besetzt, im Laufe der ersten Jahre entstand daraus allerdings ein Frauen/Lesben-Projekt. Inwieweit zur Zeit der ursprĂŒnglichen Besetzung andere Ziele verfolgt wurden als in der folgenden Realisierung, lĂ€sst sich aus der vorhandenen Quellenlage nicht ableiten. Realisiert wurden in erster Linie kĂŒnstlerische und handwerkliche FreirĂ€ume fĂŒr Frauen und Lesben, sowie Kulturveranstaltungen und Kneipenabende sowohl fĂŒr alle Geschlechter, als auch nur fĂŒr Frauen und Lesben oder vereinzelt auch nur fĂŒr lesbische und schwule Personen. Als sich abzeichnete, dass eine VerlĂ€ngerung des Nutzungsvertrags nicht auszuhandeln ist, wurde sich vehement gegen die Bremische Wohnungspolitik und den Immobilienmarkt positioniert, Leerstand kritisiert und zusĂ€tzlich eine rechte und antifeministische Politik bemĂ€ngelt. Schließlich wurden alle Verhandlungen abgebrochen, stattdessen die Sozialbehörde fĂŒr politischen Druck besetzt und UnterstĂŒtzung auch von All-Gender- oder beispielsweise auch von der sogenannten „LibertĂ€re MĂ€nner“-Gruppe angenommen. Eine wiederholte Besetzung des GebĂ€udes bleibt nicht unversucht, allerdings erfolglos.

Die ursprĂŒngliche Besetzung der Dete geschah im Gegensatz zu den Besetzungen 1990 und 1994 Jahre allerdings zu Beginn weniger um generell bezahlbaren Wohnraum zu fordern, sondern zunĂ€chst aus Wut ĂŒber die RĂ€umung der anarchistischen Queerfeminist*innen in der Liebig34 in Berlin, sowie fĂŒr Neue vor Sexismus und Queerfeindlichkeit schĂŒtzende RĂ€ume ohne Cis-MĂ€nner. Letzteres bildet eine leichte Parallele zu den Frauen/Lesben im Buntentorhaus Anfang der 1990er Jahre, welche sich ebenfalls “mĂ€nnerfreie” RĂ€ume erkĂ€mpften und in Wohnkonzepten abseits der bĂŒrgerlichen Kleinfamilie lebten. Allerdings werden 2020 ĂŒber „Frauen und Lesben“ hinaus, explizit inter*-geschlechtliche, trans*geschlechtliche, nonbinĂ€re und agender Personen mit in die Forderungen einbezogen. Diese Personengruppen finden Anfang der 1990er Jahre keine ErwĂ€hnung. DarĂŒber hinaus wird sich in beiden FĂ€llen mit anderen StĂ€dten vernetzt. In den frĂŒhen 1990ern in Bremen wird sich zwar nicht auf die Situation in Berlin bezogen, allerdings beispielsweise auf drohende RĂ€umungen in Hamburg oder Bielefeld aufmerksam gemacht (Bambule 1994: 55, 5). Die UnterstĂŒtzer*innen und Straßenbesetzer*innen der Dete richten sich in ihren Forderungen explizit an „die Stadt“ und verurteilen eine verfehlte Wohnungspolitik bzw. ungenutzten Leerstand zum Zweck von Profit, Ă€hnlich wie alle damaligen Besetzer*innen. ZusĂ€tzlich werden jedoch auch explizit Personengruppen aus dem Umfeld der Akteur*innen kritisiert und auf intersektionale Diskriminierungen hingewiesen. So werden Cis-MĂ€nner adressiert und zu eigenstĂ€ndiger Reflektion aufgefordert, die linke Szene wird aufgrund von internalisierten Sexismen, Queerfeindlichkeiten und Rassismen kritisiert und auch die lose Gruppe von Flinta*-Personen selbst wird auf die Reproduktion von diskriminierenden Äußerungen aufmerksam gemacht. Demzufolge hatten die Haus- bzw. die Straßenbesetzer*innen 2020, anders als die Besetzungen in den frĂŒhen 1990er Jahren, spezifische Motive ĂŒber eine grundsĂ€tzliche Kritik der Wohnungspolitik hinaus, von welchen sich allerdings ein kleiner Teil in den Forderungen bzw. Nutzungskonzepten der Frauen/Lesben des Buntentorhauses wiederfinden lĂ€sst.

Entgegen meiner Annahme zu Beginn der Recherche wird grundsĂ€tzlich deutlich, dass in den frĂŒhen 1990er Jahren im Gegensatz zu den 1980er Jahren in Bremen keine neuen NutzungsvertrĂ€ge fĂŒr Hausbesetzungen ausgehandelt wurden. Konzepten fĂŒr eine feministische, kĂŒnstlerische und unkommerzielle Nutzung oder Initiativen fĂŒr bezahlbaren Wohnraum wird eine gewaltsame Absage erteilt. DemgegenĂŒber erhalten die Nutzer*innen des Kulturzentrums Lagerhaus in der Schildstraße 1994, im Jahr der RĂ€umung des Buntentorhauses, eine öffentliche Förderung durch den Kulturressort. Das GebĂ€ude wurde ehemals auch von der Bremischen verwaltet und schon 1978 besetzt. Der Stadtteilbeirat stimmte einer Nutzung zu, in den Folgejahren wurden mehrere kleinere Vereine und ein TrĂ€gerverein gegrĂŒndet und ab 1983 kam ein Nutzungsvertrag zustande (Scheda/Sinn/ZĂŒghart 2000: 24-25). 2020 wurde fĂŒr queerfeministische und unkommerzielle Nutzungskonzepte, Ă€hnlich wie 1994, entgegen den Versprechungen von Politiker*innen des Bremer Senats, welche allerdings im Fall der „Dete“ auch unterschrieben vorliegen, bisher nur eine Zwischennutzung realisiert.

Sowohl die schriftlichen Kontextualisierungen der Initiative fĂŒr bezahlbaren Wohnraum im Januar 1994, als auch die AusfĂŒhrungen in den Forderungen der solidarischen Flinta*-Personen fĂŒr die Dete, eignen sich theoretisch um den jeweiligen Protest bewegungstheoretisch grob in grundlegende Kategorien des Modells von Doug McAdam, Sidney Tarrow und Charles Tilly einzuordnen. Spezifisch fĂŒr die Theorie McAdams’ ist die Betrachtung eines beidseitigen Prozesses, in dem

nicht nur die Soziale Bewegung, sondern auch die (staatliche) Elite auf VerĂ€nderungen [
] reagieren [mĂŒsse]. Eine vorher stabile Situation transformiere sich unter dem Einfluss weitreichender sozialer Wandlungsprozesse in eine Situation der Unsicherheit, in der sich neue SpielrĂ€ume eröffnen bzw. bestehende Privilegien hinterfragt [wĂŒrden].

McAdam, Tarrow und Tilly betitelten ihre Theorie bzw. ihre bewegungstheoretische Weiterentwicklung 2001 als „Dynamics of Contention“, welche auf dem ideengeschichtlichen VorlĂ€ufer, der Theorie der sogenannten „Political-Opportunity-Structures“ beruht. So sollen laut McAdam einerseits „Bedrohungen durch konkurrierende Gruppen“ genauso wie „politische Gelegenheiten als Rahmenbedingung [z.B. der Hausbesetzung, d. Verf.] in Betracht bezogen werden“ (1999:x). DarĂŒber hinaus sei es notwendig zunĂ€chst der subjektiven Wahrnehmung des Wandels bzw. dem „grundlegenden Mechanismus der Sinnkonstruktion, der dem Handeln der [
] Akteur*innen der protestierenden wie auch jenen der >etablierten< Gruppe gleichermaßen zugrunde liege, grĂ¶ĂŸere Aufmerksamkeit [zu widmen]“ (1999:xxii). Die vorliegende Herausstellung der Motive der Hausbesetzer*innen wĂŒrde sich als Vorstufe fĂŒr eine umfassende Analyse eignen um die Wahrnehmung und Zielsetzung der Protestierenden und der Gegenseite anhand der Theorie von McAdam, Tarrow und Tilly zu untersuchen, sie findet an dieser Stelle allerdings keine weitere Anwendung.

Literaturverzeichnis

Bambule (1993): Zahlreiche Artikel ohne Titel und Autor*in. In: Bambule. Politkalender. Jg. 1993, Nr. 18-52.

Bambule (1994): Zahlreiche Artikel ohne Titel und Autor*in. In: Bambule. Politkalender. Jg. 1994, Nr. 53-70.

Bremer Kassiber (1994): „Von vielen wird die Notwendigkeit des HĂ€userkampfes nicht ernst genommen“. In:Bremer Kassiber. Stadtzeitung fĂŒr Alltag, Politik, Revolution. Jg. 1994, Nr. 23, S.6-9.

Bremer Kassiber (1994): Was bisher geschah. In: Bremer Kassiber. Stadtzeitung fĂŒr Alltag, Politik, Revolution. Jg. 1994, Nr. 23, S.3.

Daschner, Markus (1993): Behördentanz um KĂŒnstlerinnenhaus. In: taz am 23.4.1993.. Text abrufbar unter: https://taz.de/Archiv-Suche/!1619548&s=Buntentor&SuchRahmen=Print/ (Zugriff am 18.4.2021).

DrĂŒgemöller, Lotta (2020): Investor bietet Zwischennutzung an. In: taz am 14.10.2020. Text abrufbar unter: https://taz.de/Besetzung-der-Dete-in-Bremen/!5717436/ (Zugriff am 18.4.2021).

Götz, Alina (2020): „FĂŒr RadikalitĂ€t verurteilt“. In: taz am 13.10.20. Text abrufbar unter: https://taz.de/Aktivistinnen-ueber-die-Dete-Besetzung/!5719426/ (Zugriff am 18.4.2021).

Juschkat, JĂŒrgen (2014): Was wird aus der „Dete“? In: Weserkurier am 27.3.2014. Text abrufbar unter: https://www.weser-kurier.de/bremen/stadtteile/stadtteile-bremen-sued_artikel,-Was-wird-aus-der-Dete-_arid,813300.html (Zugriff am 18.4.2021).

McAdam, Doug (1999): Introduction to the Second Edition, in: ders., Political Process and the Development of Black Insurgency, 1930–1970, 2nd ed., Chicago, S. vii–xlii.

McAdam, Doug/Tarrow, Sidney/Tilly, Charles (2001): Dynamics of Contention. Cambridge, Mass.

Peter, Erik (2020): Liebig 34 rĂŒstet sich fĂŒr RĂ€umung. In: taz am 6.10.2020. Text abrufbar unter: https://taz.de/Hausprojekt-in-Berlin-Friedrichshain/!5716120&s=liebig/ (Zugriff am 18.4.2021).

Scheda, Bernd/Sinn, Angelika/ZĂŒghart, Anselm (2000): 20 Jahre Kulturzentrum Lagerhaus. Text abrufbar unter: https://kulturzentrum-lagerhaus.de/files/Lagerhaus%2020Jahre.pdf (Zugriff am 18.4.20)

Staatsarchiv Bremen (2020): Besetzung des Nawatzki-Hauses in Bremen-Vegesack, Juli 1990. Text abrufbar unter: https://www.arcinsys.niedersachsen.de/arcinsys/detailAction.action?detailid=v8979721&icomefrom=search (Zugriff am 18.4.2021).

Trammer, Michael (2020): Kulturzentrum wieder eröffnet. In:taz am 11.10.2020: Text abrufbar unter: https://taz.de/Hausbesetzung-in-Bremen/!5719319/ (Zugriff am 18.4.2021).

Data protection
I, Sebastian Haunss (Place of residence: Germany), process personal data to operate this website only to the extent technically necessary. All details in my privacy policy.
Data protection
I, Sebastian Haunss (Place of residence: Germany), process personal data to operate this website only to the extent technically necessary. All details in my privacy policy.