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Das Bremer „Viertel“ blickt auf eine lebendige und bisweilen turbulente Geschichte zurück, die insbesondere in den 1960er-Jahren an Fahrt aufgenommen hat. In der Zeit der Neuen Sozialen Bewegungen war auch das Viertel Austragungsort von Kämpfen um soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Mitbestimmung. Ein Beispiel hierfür ist die Verhinderung der geplanten „Mozarttrasse“. Seit 2018 gibt es nun Pläne für ein neues Quartiersprojekt auf dem alten Bundesbankgelände in der Kohlhökerstraße, das sich treffenderweise in etwa dort befindet, wo sich die Trasse ihren Weg durch das Viertel bahnen sollte. Nicht bloß der Ort des neuen Bauprojekts weist Parallelen zur „Mozarttrasse“ auf, auch seine Kritiker*innen sehen sich in direkter Erbfolge zu den Aktivist*innen, die vor knapp 50 Jahren die kleinteilige Struktur des Viertels vor der geplanten „Osttangente“ bewahrten. Was sind die Ziele der Bürger*inneninitiative „Kein Hochhaus im Viertel“ und wie lässt sich der Protest einordnen?

Der Begriff sogenannter Nimby-Proteste („Not in my backyard“ – in etwa „nicht in meinem Garten“) ist seit einigen Jahrzehnten geläufig und auch bekannt als „St.-Florians-Prinzip“. Er beschreibt Proteste gegen Projekte im direkten räumlichen Umfeld, die nicht den eigenen Interessen entsprechen – obwohl sie mitunter gesellschaftlich notwendig sein können (Menzl 2014: 65). Margit Mayer beschreibt Nimby-Proteste etwas harscher als „partikularistisch orientierte, auf die Verteidigung der jeweiligen städtischen Lebensqualität gerichtete und zumeist in besser situierten Mittelklasse-Vierteln basierende Initiativen“ (Mayer 2008: 299). Geeint durch die Unzufriedenheit mit der Funktionsweise des politischen Systems, mit dem Verhalten der lokalen politischen Eliten und der fehlenden Möglichkeit, ihre Vorstellungen – „ insbesondere unverwässert“ – in den Entscheidungsprozess einzubringen (Marg 2011), wenden sie sich in mitunter sehr wortstarker und aufgebrachter Weise öffentlichkeitswirksam an Investor*innen und Politiker*innen. Es mag Nimby-Protestierenden auch um Themen der sozialen Gleichheit und Gerechtigkeit gehen, im Kern der Anliegen stehen aber Besitzstandswahrung und die „Verteidigung privilegierter Lebensbedingungen“ (Mayer 2008: 308). Im Folgenden soll beleuchtet werden, inwieweit die eben genannten Definitionen auf die BI im Ostertorviertel zutreffen.

Im Jahre 2017 kaufte die Hamburger Firma für Bauprojektentwicklung Evoreal das ehemalige Bundesbank-Gelände in Bremen, das bereits einige Jahre leer stand. Mitte 2018 wurde dann der erste Projektentwurf vorgestellt, der damals noch ein 14-stöckiges Gebäude (knapp 43 Meter) als höchsten Punkt vorsah, um die Brücke zwischen hoch bebauter Bahnhofsvorstadt und kleinteiligem Viertel zu schlagen. Der Entwurf wurde von der Jury unter Bürger*innenbeteiligung abgesegnet. Nach einem halben Jahr regte sich im Frühjahr 2019 dann Protest gegen das Bauvorhaben, der sich zur Bürger*inneninitiative „Kein Hochhaus im Viertel“ (BI) entwickelte. Bereits hier war die Kritik am Bauplan sehr wortstark und emotional aufgeladen und erste Vergleiche zur „Mozarttrasse“ wurden gezogen. Olaf Dinné, ein stadtbekanntes Bremer Urgestein, sprach sogar von einer versuchten „strukturelle[n] Vergewaltigung“ des Viertels, seiner Meinung nach wie bei jener Trasse, gegen die er bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren protestierte. Die Mitglieder der Initiative werten das neue Bauvorhaben als Angriff auf das Viertel und äußerten, dass sie mit dem „alten Gesicht [des Viertels] zufrieden“ seien. Etwa einen Monat später bot der Investor an, die Zahl der Hochhaus-Geschosse von 14 auf zwölf zu reduzieren, was knapp 37 Metern entspräche – das aktuelle Bankgebäude verfügt über etwas mehr als 33 Meter. Die Initiative lehnte „kompromisslos“ ab und verteidigte die vom Projektentwickler als „übertrieben“ beschriebene Darstellung des Entwurfs auf dem Poster der Protestgruppe (siehe Bild unten), indem sie sich auf „künstlerische Freiheit“ berief. Nach einer längeren Pause aufgrund von Bürgerschaftswahlen und der daraus folgenden Neubesetzung von Gremien fanden die Regierungsparteien und der Investor Anfang 2020 schließlich zu einem Kompromiss, der nun elf Stockwerke vorsieht, jedoch auch eine Angleichung – sprich Erhöhung – der anderen Gebäude des Komplexes. Das geplante Hochhaus wäre somit nur einen Meter höher als das momentan existierende ehemalige LZB-Gebäude. Daraufhin bemängelten die Anwohner*innen, dass ihnen „in den engen Straßen jahrelanger Lkw-Verkehr zugemutet werden“ solle, zusätzlich zu Bauschutt und Feinstaubbelastung. Die Initiative hat ihr nach außen getragenes Ziel – kein Hochhaus im Viertel, oder zumindest kein noch höheres Haus – also eigentlich erreicht, zeigt sich aber dennoch alles andere als zufrieden. Die Protestierenden bemängeln heute primär die mit dem anstehenden Abriss und Bau verbundenen Unannehmlichkeiten, die ihre Lebensqualität vermindern würden und suchen nach weiteren Gründen, das gesamte Vorhaben zu stoppen. So widmen sie sich neuerdings vermehrt dem Schutz der Bäume zu, die aufgrund der Baustelle gefällt wurden oder noch gefällt werden sollen.

Die Bürger*inneninitiative wendet sich mit einem breiten Handlungsrepertoire gegen eine Veränderung ihrer unmittelbaren Nachbarschaft. Von Postern über offene Briefe und Petitionen bis hin zu Demonstrationen und sogar einem Musikvideo. Auch kündigt sie mögliche Gerichtsverfahren an, die die Aktivist*innen noch gegen das Bauvorhaben führen wollen. Das Repertoire reicht somit von vergleichsweise unkonventionellem Protest wie dem eben genannten Video bis hin zu institutionalisierten Formen, welche dem klassischen Repertoire einer „pragmatisch orientierten Bürgerinitiative“ (Mayer 2008: 313) entsprechen. Die Initiative wird maßgeblich von Anwohner*innen vorangetrieben und nach eigenen Angaben von knapp 2000 Personen unterstützt. Am sichtbarsten jedoch ist der Protest im direkten Umfeld des Baugeländes. Hier hingen in den vergangenen Jahren die meisten Poster in Türen und Fenstern, oder auch direkt an den zu fällenden Bäumen. Heute hängen nur noch vereinzelt Plakate in der Nachbarschaft.

Dieser Teil des Viertels ist eine der privilegiertesten, begehrtesten und teuersten Wohngegenden in Bremen. Dass sich genau hier dieser hochemotionale und wortstarke Streit entwickelt hat, mag für manche auf den ersten Blick überraschend wirken, entspricht jedoch dem allgemeinen Schema von Nimby-Protesten, demzufolge die Wahrung des Marktwerts der Immobilien und der Lebensqualität zentrale Anliegen sind. Als Katalysator diente wohl auch die empfundene Parallele zum Bauprojekt der „Mozarttrasse“. Die 1973 verhinderte Trasse sollte durch diesen Teil des Ostertor-Viertels verlaufen, um als „Osttangente“ Teil eines um Bremen gespannten „Tangentenvierecks“ zu werden, das dem prognostizierten Bevölkerungs- und Verkehrswachstum gerecht werden sollte. Nach einem Sanierungsstopp in den 1950er-Jahren wurden bereits einige Grundstücke von Stadt und Wohnungsbaugesellschaften gekauft und Gebäude abgerissen. Günstiger Wohnraum wurde von jungen Leuten und sogenannten „Gastarbeiter*innen“ entdeckt und die Bevölkerungsstruktur des Viertels wandelte sich, was schließlich die Frei- und Gegenräume der „wilden Jahre“ der 1968er im Oster- und Steintor begünstigte. Im Jahre 1973 wurde dann der Bauplan für das Großprojekt „Mozarttrasse“ vorgestellt und nur wenige Monate später wieder zurückgenommen. Der Arbeitskreis Ostertorsanierung des SPD-Ortsvereins Altstadt wehrte sich erfolgreich gegen das von Großteilen der Bremer SPD befürwortete Bauvorhaben (Syring 2016).

Die aktuelle Initiative gegen ein „Hochhaus im Viertel“ beruft sich laut den Äußerungen einiger prominenter Mitglieder direkt auf die Aktivist*innen, die vor knapp 50 Jahren die Trasse verhinderten. Die von Olaf Dinné gezogene Parallele wurde hier bereits an früherer Stelle erwähnt. Die BI wertet das Kohlhöker-Projekt als „erneute[n] Angriff auf die hoch verdichtet gewachsene Struktur“ des Viertels und ein Sprecher der Gruppe sagt, er wolle nicht, dass sein „mühsam gerettetes Viertel“ erneut gerettet werden müsse. Die BI versucht, an die lebendige Geschichte städtischer sozialer Bewegungen anzuknüpfen, indem sie eine direkte Parallele zwischen der gescheiterten „Mozarttrasse“ und dem geplanten Bauvorhaben zieht und möchte mit ähnlicher Kraft, wie es vor fünfzig Jahren geschehen ist, ein städtebauliches Projekt verhindern. Aber nicht nur die Zeiten haben sich geändert, auch die Ausmaße des Hochhaus-Projekts gleichen wohl kaum denen der „Mozarttrasse“ von 1973. Sollte damals ein weiter Teil des Viertels der „Osttangente“ weichen, soll heute lediglich ein seit Jahren ungenutztes Bürogebäude abgerissen und durch dringend benötigten Wohnraum ersetzt werden. Noch dazu entspricht die Höhe des bestehenden Bankgebäudes durch den aktualisierten Entwurf ziemlich genau der des geplanten Hochhauses, was der Initiative den Wind aus den Segeln genommen hat. Aus einem ursprünglich für viele nachvollziehbaren – wenn auch stark emotional aufgeladenen – Anliegen der unmittelbaren Nachbarschaft hat sich ein klassischer Nimby-Protest entwickelt. Mit ihren Klagen über die nun beschlossene Gebäudehöhe bekommt die Initiative nicht mehr viel Aufmerksamkeit. Ehemals an vielen Türen zu findende Plakate gegen ein Hochhaus im Viertel, hängen heute nur noch vereinzelt in den angrenzenden Straßen. Am präsentesten ist der Protest entlang der Bäume in der Kohlhökerstraße, die im Laufe der anstehenden Bauarbeiten eventuell noch gefällt werden sollen. Hauptbeschwerdepunkte der Bürgerinitiative sind heute der erwartete Baulärm und Dreck und das Fällen von Bäumen für den Bau. Ihr Anliegen scheint in erster Linie an „kleinkarierte[r] Besitzstandswahrung“ und der „Verteidigung privilegierter Lebensbedingungen“ (Mayer 2008: 308) interessiert zu sein, auch wenn die Initiative den Anspruch erhebt, sich um soziale Verhältnisse und Stadtentwicklung zu sorgen. Ob es zu den angekündigten Gerichtsverfahren kommen wird oder wann Abriss und Neubau beginnen werden, wird sich wohl in den nächsten Monaten zeigen.


Bilder aufgenommen von Jakob Streif.

Literaturverzeichnis
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Holthaus, Matthias (2019a): Doch ein Hochhaus im Viertel? Investor stellt Pläne vor. In: Weser-Kurier am 26.04.2019. Text abrufbar unter: https://www.weser-kurier.de/bremen/stadtteile/stadtteile-bremen-mitte_artikel,-doch-ein-hochhaus-im-viertel-investor-stellt-plaene-vor-_arid,1824969.html (Zugriff am 06.04.2021).

Holthaus, Matthias (2019b): Pläne gehen Anwohnern zu hoch. In: Weser-Kurier am 13.02.2019. Text abrufbar unter: https://www.weser-kurier.de/bremen/stadtteile/stadtteile-bremen-suedost_artikel,-plaene-gehen-anwohnern-zu-hoch-_arid,1806597.html (Zugriff am 06.04.2021).

Holthaus, Matthias (2021): Investor schafft Platz für Neubau im Ostertor. In: Weser-Kurier am 22.02.2021. Text abrufbar unter: https://www.weser-kurier.de/bremen/bremen-stadt_artikel,-investor-schafft-platz-fuer-neubau-im-ostertor-_arid,1960489.html (Zugriff am 06.04.2021).

Marg, Stine (2011): Alles nur Nimbys? In: Göttinger Institut für Demokratieforschung am 08.09.2011. Text abrufbar unter: http://www.demokratie-goettingen.de/blog/alles-nur-nimbys (Zugriff am 06.04.2021).

Mayer, Margit (2008): Städtische soziale Bewegungen. In: Roth, Roland/Rucht, Dieter (Hrsg.), Die Sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945. Ein Handbuch. Frankfurt/Main: Campus Verlag, 293–318.

Menzl, Marcus (2014): Nimby-Proteste – Ausdruck neu erwachten Partizipationsinteresses oder eines zerfallenden Gemeinwesens? In: Gestring, Norbert/Ruhne, Renate/Wehrheim, Jan (Hrsg.), Stadt und soziale Bewegungen. Wiesbaden: Springer VS, 65-81.

Syring, Eberhard (2016): Die „Mozarttrasse“ als Sackgasse. In: WK Geschichte am 24.07.2016. Text abrufbar unter: https://wkgeschichte.weser-kurier.de/die-mozarttrasse-als-sackgasse/ (Zugriff am 06.04.2021).